Tagespresse-Recherche: Das große Geschäft mit Tierschutzkalendern an Volksschulen

Österreichische Tierschutzzeitung Verlags-GmbH

Sieben Euro für den Tierschutz, und ein lustiger Kalender ist auch dabei: Es klingt fast zu schön, was Eltern von tausenden Kindern Jahr für Jahr angeboten wird. Ein Verlag, der mit Tierschutz wirbt, verkauft seine Produkte ohne Genehmigung an Volksschulen in Ostösterreich. Recherchen der Tagespresse zeigen: Mit Tierschutz hat das wenig zu tun.

„Helfen macht Freude!“, „Hilf und gewinn!“, „Spielerisch lernen und gleichzeitig helfen!“, „Sie helfen uns – wir unterstützen Tierschutzvereine aus ganz österreich“ (sic).

Das verspricht ein bunter Tierschutzkalender voller Tierfotos – angeblich von Fachleuten erstellt.

Alles, was Eltern tun müssen, ist, ihren Kindern sieben Euro in die Schule mitzugeben und zu hoffen, dass sie diese nicht für Pokémon-Karten oder was auch immer ausgeben.

Foto des Kalenders, zusehen ist ein Tierschutz-Kinderrätsel

Wie genau sind diese Kalender an die Schulen gekommen? „Sie waren schon immer da“, sagt uns ein Direktor. Schon immer? Schon seit der Einführung der Schulpflicht durch Maria Theresia? „Mich begleitet der Tierschutzkalender schon mein ganzes Schulleben.“ Niemand hinterfrage das mehr.

Woher der Kalender kommt, ist unklar. Wohin das Geld wandert, aber nicht: Es fließt an die Österreichische Tierschutzzeitung Verlags-GmbH, hinter der die Holding eines Serial Entrepreneurs aus dem pulsierenden Hub Floridsdorf steht.

Der selbsternannte Tierschützer kümmert sich nebenbei auch um ein Online-Verzeichnis, seine Kunststoffproduktion, seinen Oldtimer – und ausgerechnet um eine Edelfleischmanufaktur. 

Stolz listet der Tierschutzverlag auf seiner Website auf, welche Organisationen unterstützt werden:

Liste von Tierschutorganisationen

Wir haben alle genannten Organisationen abgefragt.

  • Der Wiener Tierschutzverein bekam in mehreren Jahren jeweils zweimal 500 Euro, weiß aber nichts von Absprachen oder Kooperationen.
  • Blauer Kreis – Zoologische Gesellschaft Österreich für Tier- und Artenschutz Wien bekam mindestens einmal jährlich 500 Euro – genau können sie es nicht sagen. 
  • Der Oberösterreichische Landestierschutzverein bekam einmal jährlich „hochwertiges Hunde- und Katzenfutter“ – Schmatz!
  • Die Landestierschutzvereine für Steiermark und Kärnten wollen uns keine genaue Auskunft geben. 
  • Der Tierschutzverein Tirol sagt uns, dass ihm keine Unterstützung durch den Verlag bekannt ist und nicht einmal wusste, dass er auf der Website als Partner gelistet ist. 
  • Tierschutzverein für Stadt und Land Salzburg, das Katzenheim Freudenau und Aktiver Tierschutz Steiermark (Arche Noah) haben uns nicht geantwortet.
  • Den Tier- und Naturschutzverein Burgenland und die Pflegestation Poldi können wir nicht einmal finden. 

Macht also zumindest 1.500 Euro pro Jahr, womöglich etwas mehr, genau können unsere Redaktionsspürnasen das nicht erschnüffeln.

Demgegenüber steht ein Gewinn des Verlags von 138.493 Euro, alleine im Jahr 2024. Das können wir genau erschnüffeln, das steht nämlich so im Jahresabschluss, den die GmbH beim Firmenbuch einreichen muss.

Das Geschäft mit dem Tierschutz läuft ziemlich gut. Insgesamt liegen in der GmbH mit Jahreswechsel 2024 stolze 1,4 Millionen Euro – Gewinn aus den Vorjahren. 

Während Corona schwankten nicht nur die Fallzahlen, sondern auch die Liquidität des Firmengeflechts: 2021 taucht in der Bilanz des Tierschutzverlags plötzlich eine Forderung von 1,3 Mio. Euro auf, der Gewinnvortrag schrumpft. Im selben Jahr steigt das Eigenkapital der Holding von rund 2,2 Mio. Euro auf über 5,6 Mio. Euro an.

Eine Pfote schleckt die andere? Wuff! Unsere Geldlawinenspürhunde wittern eine Querfinanzierung und nehmen die Fährte auf.

Wir fragen beim Tierschutzverlag nach: Wie viel Geld geht wirklich an den Tierschutz? An wie vielen Schulen wird der Kalender verteilt? Und wie lautet das Lösungswort für das Rätsel auf Seite 47?

Doch auch drei Tage und mehrmalige telefonische Nachfragen später erhalten wir keine Rückmeldung. 

Sehr wohl eine Rückmeldung erhalten wir dagegen von anderen. Mit Werbung an Schulen für kommerzielle Produkte hat die Wiener Bildungsdirektion gar keine Freude.

Selbst sie kann uns nicht sagen, woher die mysteriösen Kalender kommen, die anscheinend schon immer da waren. (Was war überhaupt zuerst da an den Schulen? Die menschliche Schrift, oder die Tierschutzkalender?)

Die Bildungsdirektion schreibt uns: „Seitens der Bildungsdirektion für Wien wurde einer Verteilung nicht zugestimmt.“

Auch der VKI antwortet uns. Und wenig überraschend ist das Werben mit Tierschutz nur dann gesetzlich erlaubt, wenn die Einnahmen tatsächlich an den Tierschutz gehen. 

Fazit: Hinter den Kulissen hat der Tierschutzkalender mit Tierschutz wohl ungefähr so viel am Hut wie das AMA-Gütesiegel. Ob Eltern weiterhin mit sieben Euro für den „Tierschutz“ den Geldspeicher einer Holding füttern wollen, bleibt jedem selbst überlassen. Wuff!

Helfen Sie uns dabei, weiterzumachen.

Abo ab € 3,50 pro Monat