Wie wir Homöopathen Tic Tacs andrehen wollten und dabei fast im Häfn landeten


Tag für Tag jubeln HomöopathInnen in ganz Österreich ihren PatientInnen umetikettierte Zuckerl für viel Geld unter und scheffeln dabei Millionen. Das können wir auch, dachten wir uns. Wir wollten die Wunderheiler mit ihren eigenen Waffen schlagen und ihnen umgefüllte Tic Tac Orange als neues, homöopathisches Wundermittel anbieten. Doch dann kam alles anders.

Bis heute gibt es keinen Beleg für die Wirksamkeit von Homöopathie. Doch auch wenn es paradox klingt: Homöopathie wirkt trotzdem – vor allem auf dem Konto der ÄrztInnen und der Hersteller, und auf den Blutzuckerspiegel der PatientInnen. 

Für viele ist die Fake-Medizin ein lukrativer Nebenverdienst, für manche sogar die Haupteinnahmequelle.

Die Inflation macht schließlich auch nicht Halt vor dem neuen Porsche Cayenne oder Kokain. Und das Medizinstudium liegt oft schon einige Jahre zurück, da muss man es mit der Wissenschaft nicht mehr ganz so genau nehmen.

Wer heilt, hat recht. Und wer nicht heilt, hat auch recht, weil viele PatientInnen ihre schlechten Erfahrungen für sich behalten, vor allem wenn sie tot sind. Leichen schreiben selten negative Docfinder-Rezensionen. 

Unser Plan

Wir tarnen uns als portugiesisches Pharmaunternehmen, wir geben vor, ein neues Wundermittel gegen Corona zu vertreiben, um zu schauen, welche Mediziner schließlich tatsächlich anbeißen.

Welcher querdenke Quacksalber aus St. Inzest im Salzkammergut könnte da schon widerstehen? Welcher schwindligen Schamanin aus dem Südburgenland läuft da nicht der Eigenurin im Mund zusammen? 

Schein ist wichtiger als Schein, vor allem in der Welt der Medizin. Unsere ausgewählten HomöopathInnen erhalten nicht nur ein „Coro-No“-Produktmuster und einen Kugelschreiber, sondern auch die Aussicht auf billigen Nachschub und eine „läng€rfri$tig€ Koop€ration“. Damit ist der monatliche Golfurlaub in Südafrika mit dem sympathischen Seitenblickwinzer, den sie vom Botoxen bei Arthur Worseg kennen, gesichert.

Dass es sich eigentlich nur um Tic Tacs handelt, die wir umgefüllt und neu etikettiert haben, macht doch keinen Unterschied. Wer heilt, hat recht, und so weiter. 

Namensfindung

Wir überlegen, wie unser Produkt heißen soll. Dann der Heureka-Moment: „Coro-No“. Ein geniales Wortspiel… Corona wird zu „Coro-No“… verstehen Sie? Dafür stellt ein Werber mit hauchdünner Nasenscheidewand schon mal eine sechsstellige Honorarnote.

Die Website wird erstellt, wichtig klingenden medizinische Phrasen hineinkopiert. Dafür stellt ein Werber gleich noch mal eine siebenstellige Honorarnote. 

Die Studie

Wir erfinden irgendein Magazin, das es nicht gibt und irgendeine Universität, die es nicht gibt, an der zu unserem Erstaunen aber trotzdem mehrere österreichische MinisterInnen promoviert haben.

Wir kaufen Stockfotos von Portugiesen, die wie Ärzte ausschauen. Wir erfinden Zahlen, viele Zahlen, noch mehr Zahlen, die beweisen, wie gut unser Produkt gegen Corona wirkt. Prüft doch eh keiner der ausgewählten MedizinerInnen, da sind wir uns sicher. Hauptsache am Ende des Monats stimmt die Zahl am Konto.

Abfüllen

Wer wie die meisten ÖsterreicherInnen schon einmal einen großen Arzneimittelbetrug in die Tat umsetzen wollte, wird sich noch gut erinnern können: Tic Tacs in winzige Medizinfläschchen umzufüllen und sich als Pharmakonzern ausgeben ist die Hölle.

Wir fertigen Trichter aus Postkarten an. Wir schütteln die Fläschchen, damit die Tic Tacs leichter hineingleiten. Wir verzweifeln. Die Stimmung im Büro ist schlecht. Wir schrauben die Spitzen unserer Dartpfeile ab und verwahren sie aus Selbstschutz in einem Safe.

Nachdem die Fließbandarbeit geschafft ist, erstellen wir einen Postverteiler mit praktizierenden MedizinerInnen, die auf ihren Websites Sätze schreiben wie: „Die Homöopathie heilt mehr Kranke als jede andere Behandlungsmethode“, „Selbstverantwortung statt Angst“, oder „Ich biete meinen Patienten Heilmethoden an, die ich selbst an mir ausprobiert und für wirksam befunden habe“. Sie wissen schon, WiSsEnScHaFt.

Wir wählen 300 Adressen aus, bekleben Kuverts und wittern den großen Coup.

„Tagespresse lässt hunderte Mediziner auffliegen, die Tic Tacs verkaufen würden!“, wir sahen die glorreichen Schlagzeilen und den Pulitzer-Preis schon vor unseren Augen. Einige von uns gehen sogar zum ersten Mal seit 2008 zum Friseur, spekulieren mit einem Auftritt in der ZiB 2 oder sogar einer Homestory inklusive Besuch von Florian Klenk.

Tag X

Es ist so weit. 300 Kuverts sind versandfertig gemacht. Das Auto schon fast am Weg zur Post. Die Aktion kann starten. Fast. Doch dann kommen uns doch noch Zweifel. Denn leider leben wir immer noch in so einer Art „Rechtsstaat“. Bevor es losgeht, müssen noch ein paar Paragraphen geklärt werden. 

Wenn man AnwältInnen um ihre Meinung fragt, weiß man danach eines sicher: Man hat definitiv weniger Geld am Konto. Trotzdem wollen wir auf Nummer sicher gehen und treffen eine Anwältin in ihrem Home Office im Steirereck. Die Uhr tickt. Jede Antwort kostet. Da unser Budget begrenzt ist, haben wir uns für ein Gespräch ohne direkten Augenkontakt entschieden.

Die Anwältin hört sich unsere Idee an: Eine Pharmafirma erfinden, Tic Tacs umetikettieren, als Arzneimittel ausgeben, an Ärzte verschicken, schauen wer anbeißt und die Ärzte outen. Sie kaut auf ihrem butterweichen Schnitzel, blickt an uns vorbei aus dem Fenster: „Fälschung von Arzneimitteln – drei Jahre Haft.“

Wir schauen uns an. Drei Jahre für JEDEN? Oder drei Jahre insgesamt? Wenn man das aufteilt auf die Redaktion plus die 30 freien AutorInnen, wär das doch gar nicht so schlimm oder? Quasi ein langes Wochenende für jeden. Und welches Gefängnis eigentlich überhaupt? Wien? Kann man ins Büro pendeln beim Freigang? Einzelzelle? Mit Netflix?

Doch irgendwann setzt Ernüchterung ein. Wir können nicht ins Gefängnis gehen. Nicht, so lange es dort kein WLAN gibt, schließlich muss die Website ja weiter betrieben werden.

Die Aktion ist damit so tot wie der durchschnittliche Patient einer homöopathischen Familienpraxis in Urfahr-Umgebung. 300 Arbeitsstunden und 3.000.000 Tic Tacs verschwendet. Ein ganz normaler Arbeitstag geht wieder einmal zu Ende.

Fazit

Wir haben viel gelernt. Zum Beispiel, dass homöopathische Präparate die einzigen Arzneimittel sind, die beim Zulassungsverfahren keinen Wirkungsnachweis erbringen müssenOder dass man nur mit behördlicher Zulassung falsch etikettierte Zuckerl verkaufen darf.

Naja. Wir wollten nur helfen. Gute Besserung, 

Ihre Redaktion

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Liebe Tagespresse, die Lösung für das Problem ist doch so einfach … man verkauft es natürlich nicht als Arzneimittel. Es sind Heilungsergänzungsmittel! Am besten noch Fitnessstudios anschreiben, die brauchen neben den ganzen Nahrungsergänzern eh noch ein zweites Standbein. Am besten als Jahresabo anbieten. Kündigungsrecht so wie im Artikel von Anfang Jänner.

Es wär doch nicht Österreich wenn man nicht jeden Paragraphen irgendwie umschiffen könnte !

Geht noch einfacher: BLÖD STELLEN und dabei laut schreien und auf die Konkurrenz zeigen. Hilft zumindest bei nahezu allen Polit-Verfahren!
(Wobei zugegeben das blöd stellen für die Akteure der letzten Jahre schon sehr schwierig ist!)

… oder einfach anstatt als Medikament als Badezusatz verkaufen … so wurde vor einigen Jahren die mächtige Zuckerindustrie mit Stevia unterlaufen

Feiglinge! Der gelernte Österreicher zieht sowas einfach durch und wenn diesem angeblichen Rechtsstaat an Ende etwas nicht passt gibt es immer noch die altbewährte türkis-schwarz-blaue Verteidigungsstrategie.
– wer soll das sein?
– was soll das sein?
– wieso soll immer ich daran schuld sein?
– aber die SPÖ hat ja …
– patzen die mich nicht an
– Kanzlei Ainedter

LG, euer Basti

PARESE+STEGS
Dieses Anagramm ist ja Volemort Level! Genial, wie immer!

Bearbeitet von Poet1980

Und folglich das „TPI-Prinzip.“ Tradition, Präzision, Innovation
Dr Gabriel Parese und Dario Stege🤣😂

GATES-PRESSE wäre bei Corona-Schwurblern gaaanz schlecht angekommen…

Weltklasse Aktion , bin mir sicher , das wäre ein voller Erfolg geworden , vielleicht wären sich gar der Kickl und die Petrovic als Testimonial ausgegangen

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