Weil es in Österreich niemand machen will: Rumänien schickt 24h-Sozialdemokraten


Menschen mit Koffern
Peter Endig / dpa / picturedesk.com

Der Ausbruch der Coronakrise hat den Mangel an Sozialdemokraten hierzulande weiter verschlimmert. Doch eine Korridorvereinbarung mit Ungarn ermöglicht jetzt eine humane Lösung: Rumänien schickt tausende 24-Stunden-Sozialdemokraten in Zügen nach Österreich.

BUKAREST – Daciana R. (36) verstaut ihren Reisekoffer im Gepäckfach des ÖBB-Zugs. Schon bald werden sie und ihre 800 Kolleginnen in der Wiener Löwelstraße eintreffen, wo sie die SPÖ in ihren letzten Lebensjahren begleiten. Als ausgebildete Sozialdemokratin ist sie erfahren im Umgang mit dementen Funktionären, die sich teilweise nicht einmal mehr an ihr eigenes Wahlprogramm erinnern können. 

Daciana freut sich auf die Herausforderung: „Ich hab in Bukarest fünf Jahre Kommunikationswissenschaft studiert und den Diplom-Lehrgang ‚Diskutieren mit Tiroler Bauernschädln‘ absolviert“, sagt sie stolz. „Außerdem beherrsche ich wie jeder Funktionär Hainfelder Karate und kann meinen Parteifreunden auf zehn verschiedene Arten das Messer in den Rücken rammen.“

Schlimme Zustände

Die 24-h-Hilfssozis werden in der Löwelstraße dringend gebraucht, wie ein Lokalaugenschein zeigt. Völlig orientierungslos irrt Wamela Pendi-Ragner (Name von der Red. geändert, Anm.) durch das Gebäude. „Hilfe, ich kann die Ergebnisse der SPÖ-Mitgliederbefragung nicht mehr finden!“, schreit sie durch den leeren Gang. „Wie steh ich nochmal zu Erbschaftssteuern? Ja, nein, vielleicht, Bananensplit! Hallo?“

Daciana R. bewahrt kühlen Kopf, klemmt sich ihr neues Thomas-Piketty-Buch und mehrere wissenschaftliche Papers unter den Arm und kümmert sich geduldig um ihre Klientin. „Der Frau Pendi-Ragner geht es derzeit nicht so gut. Sie hat schon seit einiger Zeit keine Visionen.“

Beschwerliche Reise

„Pula mea, war das eine zache Anreise“, stöhnt auch Ciprian O. (33), als er nach 72 Stunden aus dem Zug steigt. „Die Lokführerin hat zwar immer durchgesagt, dass die Richtung stimmt, aber von Bukarest nach Wien über Sofia, Athen, dann mit der Fähre nach Nizza und von dort über Frankfurt und Oslo zum Hauptbahnhof? Naja, wird schon passen.“

In Wien soll der gelernte Reifenwuchter aus Transsylvanien nun als Sozialdemokrat tätig sein. „Ganz normal halt, beim Maiaufmarsch Käsleberkässemmel essen, auf Twitter alles liken was der Leichtfried postet, mein Kreuzerl bei der SPÖ machen, auch wenn das für mich schwer wird, weil die SPÖ gar keine Angebote für Arbeiter hat, aber da kann ich beruflich und privat trennen.“

Nur der Anfang

Die Sonderzüge waren aber erst der Anfang. Noch heuer sollen weitere 70.000 Sozialdemokraten in Österreich eintreffen, um das Überschreiten der 4%-Hürde bei der nächsten Wahl zu garantieren. Die Öffnung der Grenze für 24h-Sozialdemokraten – ein Zeichen der Menschlichkeit, das in schwierigen Zeiten wie diesen Mut macht.

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Was soll ich als Alter Sozi sagen? Großartig, best ever.

Richtig. Schnüff

Der Artikel ist grandios. Wahnsinn..

Genial, reif für den Literaturnobelpreis, ich habe mich 5 Minuten vor Lachen nicht mehr eingekriegt

Böse böse ;->

Nein WAHR

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