Längere Intervalle: Volksschüler (21) wartet seit 15 Jahren auf Bim


Mann wartet auf Bim
Manfred Helmer/bildstrecke.at (M)

Es war ein ganz normaler Dienstag morgen, als der damals sechsjährige Peter Steinkellner im Jahr 2007 einfach nur in die Volksschule fahren wollte. Seither sind 15 Jahre vergangen, und der kleine Peter wartet immer noch an der Station auf die Straßenbahn. Die Tagespresse recherchiert die Hintergründe. 

WIEN – „Die Mama sagt, ich darf nicht mit Fremden reden“, flüstert der jetzt schon 1,87 m große Peter „Peterle“ Steinkellner und schaut schüchtern auf die Polizistin herunter. „Woher kommst du denn, hm? Wir bringen dich heim. Magst mit mir mitgehen?“, fragt die Polizistin und legt dem verstörten Volksschüler eine Hand auf die massive Schulter. Er zuckt zusammen, schüttelt den Kopf, nippt nervös an seinem Dreh und Trink.

Peter Steinkellner versteht die Welt nicht mehr. Seit 15 Jahren wartet er mit seiner Schultasche brav an der Station Breitenfurter Straße, um endlich in die Volksschule zu fahren – doch seine Straßenbahn ist nie gekommen. Und die 50 Meter nach Hause zu gehen war ihm einfach zu weit.

„Er besteht drauf, dass ihn die Mama abholt. Leider hat seine Mama kein Auto, sie wartet in Simmering auf den Bus, und sein Papa ist U-Bahn-Chauffeur, von dem gibt es seit 2009 keine Spur mehr, der ist wohl an der Ostfront in Floridsdorf gefallen“, seufzt die Polizistin. 

Spießrutenlauf

Steinkellner schaut auf sein Nokia 3310, es hat nach all den Jahren nur mehr drei Striche Akku. Er zeigt uns tausende SMS seiner Mutter. „Komme gleich“, „10 Minuten Verspätung“, „in 89 Minuten kommt der Bus endlich“, „hab mit Wiener Linien telefoniert, 24 Stunden Verspätung, es ist noch eine Lasagne im Kühlschrank“, „3 Wochen Verspätung, alles Gute zum Geburtstag, bussi Mama“, „hab tel, oberleitungsschaden, rip, love u“. Dann reißt der Kontakt ab.

Steinkellner will sein Handy verstauen. „Ah Scheiß-, äh Scheibenkleister, mein Pausenbrot“, ärgert er sich, nachdem er seine Schultasche öffnet und eine schleimige Gestalt Richtung Gulli kriecht. „Die Mama wird mich ur umbringen.“ Er fischt einen Cheeseburger von McDonald’s heraus, der noch perfekt aussieht. Genüsslich verspeist er ihn. „Den wollt ich mir eigentlich aufheben, bis ich so viel Jahre alt bin“, sagt er und formt mit seinen Händen die Zahl 30.

Mitschuld

Doch Steinkellner hegt keinen Groll gegen die Wiener Linien, er habe auch eine gewisse Teilschuld an seiner Situation. „Einmal war ich da hinten beim Maci am Klo für 2 Minuten, ur dumm“, erzählt er. „In der Zeit hab ich wohl zwei Bims verpasst aber dafür übernehm ich die volle Verantwortung, hätt ich halt wie jeder normale Wiener Öffi-Fahrgast in die Haltestelle Pipi gemacht.“

Abermals blickt Steinkellner hoffnungsvoll die Schienen entlang, als am Horizont eine Straßenbahn erscheint. Ekstatisch beginnt er auf und ab zu springen, seine glasigen Augen funkeln im Licht der Straßenlaternen. Doch kurz bevor der Wagon in die Station einfährt, sackt Steinkellner zusammen. „Betriebsfahrt“, flüstert er leise.

Wiener Linien reagieren

Bei den Wiener Linien streitet man jede Verantwortung ab, gesteht jedoch ungewöhnliche Wartezeiten ein: „Ja, die Intervalle sind etwas länger, seitdem wir den Fahrplan auf den Azteken-Kalender umgestellt haben“, erklärt Pressesprecherin Katja Petrovic. „Aber für den kleinen Peter habe ich gute Nachrichten: Die Straßenbahn sollte im nächsten Hueymiccailhuitl eintreffen.“

Die längeren Intervalle sorgen bei den Wiener Linien generell für Umstrukturierungen. „Wer heute in die Seestadt Aspern will, dem raten wir zur Buchung im Schlafwagen, ältere Semester finden ganz hinten auch einen Notar, bei dem man sein Testament aufsetzen lassen kann“, erklärt Petrovic.

Peter seufzt, er merkt: Mittlerweile ist die Welt um ihn herum eine andere. „Alles ist bestimmt ganz anders als vor 15 Jahren. Ist FIFA 08 schon draußen? Und zeigt der ORF noch meine Lieblingsserie Malcolm? Sicher nicht, sondern was viel Neueres, oder? Oder?“

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14 Kommentare
  • Da hat unser Peterle aber noch Glück, dass er nur auf die Wiener Straßenbahn warten muss und nicht auf einen ÖBB-Regionalzug. Da kann er eher in Pension gehen, als dass der kommt.

  • Liebe Tagespresse ,
    Kleiner Recherche Fehler,
    Die Wr. Linien haben nicht auf den Azteken Kalender, sondern auf den Maya Kalender umgestellt- der bekanntlich am 21. Dezember 2012 endete. Das erklärt auch, warum seither keine Mitarbeiter/innen mehr Dienst machen und warum “ Peterle“ so viele Jahre schon wartet.
    Aber eine Lösung ist in Sicht. Irgendwann in Zukunft- so ab 2055 oder so, wird es die Vollautomatische U5 geben und jeder, der zufällig bei der Station Rathaus wohnt, wird verlässlich öffentlich von dort zu seinem Lieblingsschnitzelplatzl kommen.

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