Kulturhauptstadt Bad Ischl: Zu Gast im oberösterreichischen New York


Touristin in Bad Ischl
Wolfgang Sauber/CC-BY-SA 4.0, Depositphotos/jovannig

Groß war der Jubel in Brüssel, als sich die elektrisierende Metropole Bad Ischl dazu herabließ, 2024 als europäische Kulturhauptstadt zu fungieren. Die Tagespresse liefert einen Überblick darüber, was der “wichtigste kulturelle Hotspot der Gegenwart” (New York Times) zu bieten hat. 

Anschlagtafel

Wilhelm Zimmerling PAR, CC-BY-SA 4.0

Die Anschlagtafel neben dem Rathaus lockt Besucher mit einer zeitgenössischen Sammlung an Flugblättern und Ankündigungen. Zu den gefragtesten Werken dieser beeindruckenden Grafik-Ausstellung zählen etwa der Abfallentsorgungskalender der Gemeindebediensteten Herta B., die mit ihrer exzessiven Nutzung von „Comic Sans“ die Typografie-Trends der Gegenwart subversiv unterwandert. 

Frühschoppen

Christian Benseler, CC BY 2.0

Ein grotesk-komisches Stück, das in seiner Absurdität an Samuel Beckett erinnert. Die Darsteller, zwischen 7 und 95 Jahre alt, beginnen um acht Uhr morgens, mit vergorenem Gerstensaft ihren Schmerz der ländlichen Existenz inmitten von kultureller Einöde zu betäuben. Die Figuren warten und warten und warten, doch es passiert: nichts. In ihrer rauschhaften Performance werden die Einheiten der Zeit, der Handlung und des Ortes gekonnt aufgelöst. Eine Empfehlung! (Schnell Tickets sichern, dieses Stück gibt es nur siebenmal pro Woche zu sehen).

Briefkasten

Moschitz, CC BY 3.0

Diese kryptische Blechskulptur des avantgardistischen Künstlerkollektivs „Österreichische Post AG“ hinterlässt mehr Fragen als Antworten. Wohin verschwinden die zu Papier gebrachten Gedanken, die von Passanten hineingeworfen und nie wiedergesehen werden? Was hat die leere Ankündigung „Entleerung: Montag bis Freitag 13:30“ zu bedeuten? 

Vögele

Gerd Fahrenhorst, CC-BY SA 4.0

Das deprimierend-beklemmende Bekleidungsgeschäft regt als metaphorische Zuspitzung der spätkapitalistischen Verhältnisse zum Nachdenken an. Die Sammlung von Mäzen Charles Vögele ist eine Retrospektive mit dem Fokus auf die Mode der Zielgruppen „kleinbürgerliche Hausfrauen 50+“, „lebensmüder Lateinlehrer mit Tablettensucht 60+“ und „postironisches Berliner Rich Kid im Kunststudium 20+“. Gesellschaftskritische Satire, die wehtut (in den Augen). 

Der Dorfnazi

Ein abgründiger Performance-Essay, der jeden Abend aufgeführt wird. Dutzende Bewohner des Salzkammergutes verkleiden sich als bürgerliche Mitte und streichen durch die Wirtshäuser der Gemeinden Ebensee, Altmünster und Pinsdorf. Durch ihre Sprache stellen sie eine Distanz zur Gegenwart her. Das Intimste wird öffentlich gemacht („Gestern hot mei Bua betrunken wen zomgfiat, zum vierten Moi des Joa, hahaha“). Die Körper der Darsteller berühren sich immer wieder intensiv, etwa bei spontanen Schlägereien mit Andersdenkenden.

McDonald’s Bad Ischl

Waddehadde/CC-BY-SA 3.0

Hier schwingt Küchenchef Ronald McDonald (New York, Tokio, London) den Kochlöffel. Die Spezialität des Hauses: eiskalte Pommes, leicht und doch gehaltvoll, mit geübter Hand abgeschmeckt, herrlich und wohltuend, serviert an drei Esslöffeln Salz als Hommage an Salzabbau in Bad Ischl. Beim authentischen Nachhall der Süßsauer-Soße am Gaumen ist man sich nicht sicher: Bin ich gerade in Bad Ischl, oder einem Hutong in Peking? Die außen glühend heiße und innen noch gefrorene Apfeltasche steht der Pommes-Ekstase in nichts nach, sie ist von berauschender Fruchtigkeit. Wer da als Gourmet noch nach San Sebastián oder Paris fährt, ist selbst schuld. 


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Thorben Meyer

Wunderbar böse und sehr clever geschrieben. Die Tagespresse ist eindeutig die beste Satirezeitung im deutschsprachigen Raum.

wieder einmal top

ampf

Herrlich böse, dabei doch voll auf den Punkt.
Spitze!

Surreale

Der Artikel ist echt gut aber auch in der Satire welche ich schätze sollte ein Funken Wahrheit dabei sein. Ich als Ischler kann sagen dass nichts im entferntesten zutrifft und auch fast alle Bilder nicht Bad Ischl zeigen oder Gebäude in Bad Ischl.

Einstein

Ich finde diesen Artikel leider gar nicht gut. Zu übertrieben und wie Sie sicher richtig anmerken, nicht zutreffend. Auch Vögele ist ja schon lange Vergangenheit. Für mich eine eher schwache Leistung von DIE TAGESPRESSE!

Greenhorn Grubenseifner

Hier wurde zutiefst die Realität und der Anmut einer ländlichen Kleinstadt verdreht und in den Schutz gezogen. Den Vögele gibt es nämlich gar nicht mehr! Alles ganz anders dadurch, wie schon mehrfach durch meine Vorredner betont! Das macht mein Leben kaputt!! Ein scheußlicher Artikel!

Gerald König

Muss ich in dem Fall auch sagen. Bad Ischl ist ein sehr schöner Ort.

PVangel

Außerdem ist Vögele schon längst Pleite. Is auch keinen aufgefallen.

Thomas

Man sollte nur darauf hinweisen, dass eine Alternative St. Pölten gewesen wäre.
Im Vergleich mit Pölten ist Ischl immer noch fast New York!

Jausenbrettl

Nur, dass halt nicht St. Pölten sondern Bad Ischl Kulturhauptstadt 2024 wird.

minimixmax

So isses, dem Mutigen graut selten, warum graut ihm vor St. Pölten?

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